Was die Zahlen zeigen

Wenn ein Schweizer Unternehmer sein Lebenswerk verkauft, denkt er oft zunächst an naheliegende Kandidaten: einen Wettbewerber aus der Branche, einen grösseren Schweizer Konzern, vielleicht einen Nachfolger aus dem Management. Was viele unterschätzen: Die Wahrscheinlichkeit, dass der Käufer aus Deutschland, Frankreich, Grossbritannien oder aus den Portfolios eines europäischen Private-Equity-Fonds kommt, war noch nie so hoch wie heute.

Das ist keine Vermutung. Es ist eine Tatsache, die Deloitte Schweiz seit 2013 in einer jährlichen Studie zur M&A-Aktivität unter Schweizer KMU dokumentiert. Die jüngsten Zahlen aus dem Jahr 2025 sind bemerkenswert.

Im Jahr 2025 stieg die Zahl der Inbound-Transaktionen — also Übernahmen von Schweizer KMU durch ausländische Käufer — um 65 Prozent auf einen Rekordwert von 104 abgeschlossenen Transaktionen. Das ist der höchste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen durch Deloitte im Jahr 2013. Zum Vergleich: 2024 waren es 63 solcher Transaktionen, 2023 lediglich 64 — damals der tiefste Stand seit 2015.

Ausländische Käufer trieben den Markt an und waren für die Hälfte aller Transaktionen verantwortlich — ebenfalls ein Rekord. Anders gesagt: Jeder zweite Unternehmensverkauf eines Schweizer KMU geht heute ins Ausland.

Der Rückblick zeigt, dass dies kein Zufall ist. In früheren Jahren wurden grenzüberschreitende Transaktionen hauptsächlich durch Inbound-Investitionen angetrieben — ausländische Käufer kauften Schweizer KMU häufiger, als Schweizer Unternehmen im Ausland zukauften. Dieser Trend wurde durch den starken Franken zwischen 2022 und 2024 vorübergehend gebremst, bevor er 2025 mit voller Kraft zurückkehrte.


Wer kauft — und warum gerade jetzt?

Europäische Strategen dominieren. Europäische Investoren sind für fast drei Viertel aller Übernahmen verantwortlich. Die aktivsten Käufergruppen kamen aus Deutschland, Frankreich und Grossbritannien, und in all diesen Ländern wurden 2024 mehr Transaktionen abgeschlossen als im Vorjahr. Deutschland war auch im KMU-Bereich die aktivste Jurisdiktion, teilweise weil deutsche Private-Equity-Firmen in der Schweiz zukaufen, teilweise weil viele internationale Investmentshäuser den Schweizer Markt von Deutschland aus abdecken.

Private Equity hat die Führung übernommen. Das ist die strukturell wichtigste Entwicklung. Finanzinvestoren waren 2025 an 116 Transaktionen beteiligt — ein Plus von 45 Prozent gegenüber 2024. Damit entfielen 56 Prozent aller Transaktionen auf Private Equity. Besonders auffällig: Die sogenannten Bolt-on-Akquisitionen — also Zukäufe durch PE-Fonds, die ein Schweizer KMU in ein bestehendes Portfoliounternehmen integrieren — stiegen um 156 Prozent.

US-Käufer auf dem Rückzug — vorläufig. Der Anteil amerikanischer Käufer halbierte sich von 17 auf 8 Prozent. Als Hauptgründe gelten die Schwäche des US-Dollars gegenüber dem Franken sowie die Unsicherheit rund um die US-Handelspolitik. Europäische Investoren nutzten diesen Raum entschlossen.

Die beliebtesten Branchen: IT-Dienstleistungen und Software dominierten mit 28 Prozent der Inbound-Transaktionen. Dahinter folgen Industrieunternehmen mit 20 Prozent und Life Sciences sowie Gesundheit mit 16 Prozent — wobei Letzteres einen Anstieg der Inbound-Aktivität um 110 Prozent verzeichnete.


Warum Schweizer KMU so attraktiv sind

Technologische und operative Exzellenz in Nischenmärkten. Schweizer KMU sind überproportional oft «Hidden Champions»: Weltmarktführer oder Weltklasse-Anbieter in hochspezialisierten Segmenten. Die Schweiz profitiert von ihrer wirtschaftlichen Stabilität, ihrer Innovationskraft und ihrer starken Stellung in spezialisierten Nischenmärkten. Internationale Investoren suchen nach widerstandsfähigen Unternehmen und innovativen Produkten mit langfristigem Wachstumspotenzial.

Stabilität als strategisches Asset. Die Schweiz bietet ein wettbewerbsfähiges und innovatives wirtschaftliches Umfeld, politische Stabilität und einen investorenfreundlichen Rechtsrahmen. Für einen deutschen Industriekonzern oder einen britischen PE-Fonds, der Portfoliounternehmen in volatileren Märkten hält, ist das ein echter Unterschied.

Der Nachfolgedruck schafft Angebot. Auf der Angebotsseite des M&A-Marktes wird das Geschäft von aufgestauten Nachfolgefällen, der Bereinigung von Unternehmensportfolios und Private-Equity-Verkäufen angetrieben. Ein erheblicher Teil der Schweizer KMU-Inhaber gehört der Babyboomer-Generation an. Wenn kein geeigneter Nachfolger in der Familie oder im Management vorhanden ist, wird ein Verkauf zur praktischsten Option.


Was bedeutet das für Sie als Verkäufer?

Mehr Wettbewerb unter Käufern kann den Preis treiben. Ein breiteres Käuferfeld erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass zwei oder mehr ernsthafte Interessenten gegeneinander bieten — aber nur, wenn der Prozess professionell gesteuert wird.

Strategische vs. finanzielle Käufer — ein fundamentaler Unterschied. Ein deutsches Industrieunternehmen, das Ihr KMU als strategische Ergänzung kauft, denkt anders als ein PE-Fonds. Der Stratege will synergieren und integrieren; der Finanzinvestor will Wert aufbauen und in fünf bis sieben Jahren weiterverkaufen. Für Sie als Verkäufer — insbesondere wenn Ihnen die Zukunft der Mitarbeitenden oder die Marke wichtig ist — ist das kein Nebenpunkt.

Due Diligence wird anspruchsvoller. Ausländische Käufer, besonders aus dem PE-Umfeld, bringen professionell aufgestellte Teams mit — und entsprechend tiefe, intensive Prüfprozesse. Wer darauf nicht vorbereitet ist, gerät unter Druck.

Sprache, Kultur, Prozess. Ein Verkauf an einen deutschen Mittelständer läuft anders ab als ein Verkauf an einen Londoner PE-Fonds. Die Erwartungen an Dokumentation, Tempo und Kommunikation unterscheiden sich erheblich.

Ein regulatorisches Kapitel im Entstehen. Das Schweizer Parlament verabschiedete im Dezember 2025 das Bundesgesetz über die Kontrolle ausländischer Investitionen. Es sieht eine Meldepflicht für Übernahmen durch staatlich kontrollierte Investoren in bestimmten kritischen Sektoren vor und soll frühestens 2027 in Kraft treten. Für die meisten Schweizer KMU-Verkäufe wird dies keine direkte Relevanz haben.


Wo stehen wir heute — und was kommt?

Der Ausblick für 2026 ist positiv: Niedrige Zinsen, viel Kapital in der Hand von Private-Equity-Fonds und ein Trend zu innereuropäischen Investitionen deuten auf noch mehr Transaktionen hin. Gleichzeitig bleibt der starke Franken eine Herausforderung, da er Transaktionen für ausländische Käufer teurer macht.

Der Markt ist aktiv — aber er ist auch selektiv. Käufer zahlen für Qualität, Nische und Berechenbarkeit. Sie zahlen weniger für Unternehmen, die ohne ihren Eigentümer nicht funktionieren.

Wenn Sie über einen Verkauf Ihres Unternehmens nachdenken, lohnt es sich, den Käuferkreis nicht von vornherein auf die Schweiz zu beschränken. Der nächste ernsthafte Interessent sitzt möglicherweise in Frankfurt, Paris oder London — und er kennt Ihren Markt besser, als Sie vielleicht denken.


Quellen

Deloitte Switzerland — M&A Activity of Swiss SMEs (Jahresstudie 2013–2026) Die massgebliche jährliche Studie zu abgeschlossenen M&A-Transaktionen unter Schweizer KMU (Umsatz >CHF 10 Mio., <250 Mitarbeitende, EV CHF 5–500 Mio.). Primärquelle für alle in diesem Artikel genannten Zahlen.

KPMG Switzerland — Clarity on Mergers & Acquisitions 2025 Jährlicher Schweizer M&A-Marktüberblick: alle Transaktionsgrössen und Branchen, Käufergeographie. kpmg.com

Chambers and Partners — Investing In... 2026: Switzerland Rechtlicher und transaktioneller Überblick über den Schweizer M&A-Markt, inkl. regulatorische Entwicklungen. practiceguides.chambers.com

Chambers and Partners — Private Equity 2025: Switzerland PE-spezifische Analyse des Schweizer M&A-Markts: Anzahl Transaktionen, Käufergeographie, Finanzierungsdynamik. practiceguides.chambers.com

Herbert Smith Freehills Kramer — Global M&A Report 2026: Switzerland Grenzüberschreitende M&A-Analyse für die Schweiz, inkl. Daten zur Käufernationalität und Sektortrends. hsfkramer.com

IFLR — M&A Report 2024 & M&A Guide 2025: Switzerland Rechtliche Marktinformation zum Schweizer M&A: regulatorische Entwicklungen und Transaktionsstruktur-Trends.

PwC Switzerland — Swiss M&A Trends in Consumer Markets 2025 Outlook Branchenspezifische M&A-Analyse für den Schweizer Konsumgütermarkt, inkl. Käuferdaten. pwc.ch

Datasite — Expert Spotlight: M&A in Switzerland on Track for 2025 and 2026 Praktikerperspektiven: Bewertungslücken, nachfolgegetriebener Dealflow, Währungseffekte. datasite.com

Bundesverwaltung Schweiz (KMU Portal) — Record of Swiss Mergers and Acquisitions Abroad (2024) Offizielle Regierungszusammenfassung der Deloitte-Studie zur Schweizer KMU-M&A-Aktivität. kmu.admin.ch